Wind in den Segeln der Digitalisierung – Interview mit Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig

© Peter Bajer

Alle reden von digitaler Bildung. Wann haben Sie eigentlich ihr erstes Smartphone bekommen?

Naja, zu meiner Schulzeit war zumindest keine Rede von Tablet und Smartphone. Die Medien, die wir in der Schule genutzt haben, waren Tafel und später der Overhead-Projektor. Gut, aus uns ist auch was geworden, aber die Digitalisierung bietet schon viele spannende Möglichkeiten und diese Möglichkeiten wollen wir auch nutzen. Alle Schülerinnen und Schüler sollen daran partizipieren können. 
Was mich nach wie vor besonders beeindruckt, sind die neuen digitalen Chancen für eine individuelle Förderung – jeder und jede kann hier in seinem eigenen Tempo lernen, Inhalte wiederholen, vertiefen und von den Lehrkräften darin noch besser angeleitet werden. Und auch die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Einschränkungen sind groß, ich erinnere mich immer noch einen blinden Jungen bei einem Schulbesuch, der technisch perfekt ausgestattet war und für den die Digitalisierung einfach Teilhabe und Freiheit bedeutet. Dann schafft das Internet natürlich auch mehr Wissensgerechtigkeit, jeder und jede hat über das Netz Zugriff auf das Weltwissen. Das ist toll, aber birgt natürlich auch Gefahren. Im großen Lexikon, das meine Eltern im Schrank stehen hatten, fanden sich keine Verschwörungstheorien und fake news – deshalb bedeutet digitale Bildung für mich immer auch die Vermittlung von Medienkompetenz. 

Haben wir in Deutschland diese Chancen denn früh genug erkannt? In der Corona-Pandemie zeigt sich doch, dass man noch nicht so weit ist, wie man sich das wünschen würde.

Die Corona-Maßnahmen waren ganz klar Wind in den Segeln der Digitalisierung – übrigens in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, nicht nur bezogen auf Schule. Innerhalb weniger Monate haben Bund, Land, und Kommunen Hand in Hand enormes bewegt. Der DigitalPakt Schule mit seinen inzwischen drei Zusatzvereinbarungen, fast 90.000 mobile Endgeräte für Schülerinnen und Schüler wurden oder werden in Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt, die Nutzungszahlen bei digitalen Lernplattformen und dem Videokonferenzsystem, das wir für alle Schulen datenschutzkonform und kostenfrei anbieten, sind in die Höhe geschnellt. Die Serverkapazitäten wurden ausgeweitet, sodass das inzwischen auch gut funktioniert. Eine bundesweite Materialsammlung digitaler Lehr- und Lernmittel haben wir als KMK gemeinsam auf die Beine gestellt. Und neben der Technik wurde ebenso auf pädagogischer Seite viel gedacht und viel gemacht, etwa zusätzliche Fortbildungen, die auch sehr gut angenommen wurden, neue Formate bei Fortbildungen, eine Handreichung, wie digitaler Unterricht gelingt usw. 
Aber ja, wir sind noch nicht so weit, wie wir uns das alle wünschen würden, aber wir sind auch in einer Situation, die wir uns so nicht gewünscht hätten – und mit der niemand rechnen konnte. Wir haben uns bereits lange vor Corona intensiv mit dem Thema Digitalisierung befasst und mit Expertinnen und Experten ausgetauscht. Wenn es um eine Vision der „Schule von Morgen“ ging, haben damals aber nicht einmal die kühnsten Digitalverfechter das Bild leerer Schulen gezeichnet und von Hundertausenden von Kindern und Jugendlichen, die vom einem auf den anderen Tag alle zuhause an ihren Tablets und Laptops arbeiten. Schule ist ein Ort des Austauschs, des Miteinanders, des Aufwachsens und ein solcher Ort soll Schule auch bleiben – ergänzt um die Möglichkeiten digitaler Bildung.

Werden die Mittel aus dem DigitalPakt reichen, um Schulen für die Digitalisierung flott zu machen? 

Aus dem DigitalPakt Schule entfallen rund 241 Mio. Euro auf Rheinland-Pfalz, dazu kommen jeweils 24,1 Mio. Euro aus dem Sofortaustattungsprogramm – das inzwischen durchbewilligt ist – für Administration und für Lehrergeräte. Diese Mittel werden der digitalen Bildung einen wichtigen Push geben. Aber die Digitalisierung endet nicht mit Ablauf des DigitalPakts 2024. Wir, das heißt Land und Kommunen, werden fortlaufend investieren. Im Landeshaushalt haben wir die Mittel rund um digitale Bildung in den vergangenen Jahren vervierfacht, über 20 Mio. Euro Landesmittel fließen in digitale Bildung. Im Nachtragshaushalt Corona haben wir nochmal 10 Mio. Euro für Digitales draufgepackt.
Und ich sehe auch den Bund nach 2024 weiter gefragt, bei solchen Zukunftsherausforderungen im Bildungsbereich neues Geld in die Hand zu nehmen – diese Gespräche werden wir zu gegebener Zeit führen. Noch wichtiger als der Blick auf 2025 ist aber der Blick aufs Hier und Heute: In Berlin konnte ich erreichen, dass das Antragsverfahren zum DigitalPakt Schule vereinfacht wird. Ich werbe nochmal ganz deutlich bei den Schulträgern, die das noch nicht getan haben, jetzt schnell Anträge einzureichen und auch loszulegen an den Schulen. 

Nach den Zusatzvereinbarungen für Schülergeräte und Administration steht noch die Zusatzvereinbarung für Lehrergeräte aus? Wann ist damit zu rechnen? 

Die Zusatzvereinbarung für Lehrergeräte liegt nun vor. Persönlich hätte ich mir gewünscht, dass es schneller geht, aber ich bin zuversichtlich, dass in diesem Jahr jede rheinland-pfälzische Lehrerin und jeder Lehrer ein Dienstgerät bekommen kann. Um Härten abzufedern, haben wir aus Landesmitteln bereits im vergangenen Jahr 3.000 Leihgeräte für Lehrkräfte angeschafft, die coronabedingt von zu Hause arbeiten müssen und nicht über entsprechende Ausstattung verfügen. Ich weiß außerdem von einigen Trägern, dass diese ihren Lehrkräften ebenfalls dienstliche Geräte zur Verfügung gestellt haben.  

Welche Bereiche müssen jenseits der Schulen noch gestärkt werden, damit digitale Bildung gelingt? 

Die kurze Antwort lautet: Alle gesellschaftlichen Bereiche müssen sich dem stellen. Wenn man bereits im vergangenen Jahrhundert von der Bedeutung des lebenslangen Lernens gesprochen hat, so kommt dem angesichts der Digitalisierung ein noch höherer Stellenwert zu. Die Technik und damit die Welt ändern sich schneller denn je. Auch nach der Schule im Beruf werden Menschen diese Veränderungen antizipieren müssen und sich ständig weiterbilden und dranbleiben. 
An unseren Schulen legen wir die Grundlagen, dass junge Menschen die nötige Offenheit dafür erfahren und die Kompetenzen erhalten, mit dem digitalen Wandel nicht nur umzugehen, sondern sich selbst als mündige Bürgerinnen und Bürger aktiv in den Wandlungsprozess einzubringen. Damit das gelingt, brauchen wir auch digital gebildete Lehrkräfte. Hier haben wir große Schritte getan, digitale Aspekte werden in der Lehrerausbildung künftig zum Standard gehören. Und auch bei der Fort- und Weiterbildung unserer Lehrerinnen und Lehrer kommt dem Thema steigende Bedeutung zu. Wir schaffen hier das Angebot und sehen gleichzeitig, dass es die Nachfrage gibt. Übrigens nicht nur bei den jungen Lehrkräften! Unsere Lehrkräfte können und unsere Lehrkräfte wollen die Zukunft der Schule im Sinne der Schülerinnen und Schüler mitgestalten, für dieses Engagement bedanke ich mich ganz herzlich.    

 

 

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